Mythen Hochsensiblilität

Es wird viel zum Thema Hochsensibilität geschrieben, in Zeitungsberichten, Blogs, diversen Gruppen der Sozialen Medien. Die Beschreibungen sind unterschiedlich in ihrer Darstellung. Es findet nicht selten Verwirrung statt.

Häufig – und das ist erstaunlich – wird die Hochsensibiliät in der einen oder anderen Form in die Nähe von psychischen Störungen gerückt. Entweder werden Symptome angeblich deckungsgleich zu psychiatrischen Störungsbildern beschrieben, oder aber es werden Disposition suggeriert.

Bitte lassen Sie sich nicht irritieren.

Eines vorab: alle Menschen befinden sich im breiten Spektrum der möglichen Reaktionen auf Ereignisse.

Wenn also durch genetische, soziale, familiäre, gesellschaftliche, oder noch ganz andere Faktoren, sich ein sogenanntes Störungsbild entwickelt hat, so ist dies oftmals die bestmögliche Lösungsstrategie die eine Psyche finden konnte, um das Überleben zu sichern.

Eine Stigmatisierung dessen ist also fatal und dies hat kein Mensch verdient. Störungsbilder sind mit oftmals enormen Leiden verbunden. Auch so viele Jahre nach dem dritten Reich, existieren in unserer Gesellschaft noch immer Stigmatisierungen. Wir erinnern uns, dass damals Menschen die als nicht lebenswert betrachtet wurden, auch wegen psychischer Störungen, umgebracht wurden. Angehörige mussten schweigen.

Mein Appell geht hier an mehr Bewusstheit, dass jeder Mensch durch bestimmte Faktoren betroffen sein kann.

In unterschiedlichen Lebensphasen können alle Menschen Spitzen eines Verhaltens aufzeigen. Diese Spitzen haben dann jedoch keinen sogenannten „Krankheitswert“. Auch diesen Begriff möchte ich richtig eingeordnet wissen. Es ist, wie zuvor beschrieben, eine nahezu unausweichliche Reaktion auf Belastungen.

Der Umgang mit den Begriffen psychischer Störung oder Krankheitswert ist also delikat. Nicht richtig kommuniziert kann es Menschen verstören. Eine falsche  Diagnose kann sogar traumatischen Charakter haben.

Was sich auf dem Papier womöglich gleich liest, kann in der Realität ganz selbstverständlich anders eingeordnet werden.

So wichtig wie es also sein kann, sich in sozialen Netzen auszutauschen, so sehr birgt es auch die negative Möglichkeit, dass Menschen verwirrter und orientierungsloser werden, da sie auf die eine oder andere Weise glauben, sich wiederzuerkennen.

Hochsensible die gerade am Anfang ihres Erkenntniswegs stehen, können so nahezu zwangsläufig eine Sichtweise entwickeln, die ihnen nicht gut tut, wenn sie diese verwirrenden Aussagen lesen.

Genauso wenig ist es hilfreich, sich als HSP zu begreifen, wenn diese Veranlagung nicht vorhanden ist. Es braucht dann schlichtweg eine andere Form von Unterstützung.

Was macht denn nun die Hochsensibilität aus?

Die Antwort ist nicht einfach auf einen Test herunter zu brechen. Dieser kann nur eine erste Orientierung sein.

Die Veranlagung durchzieht letztlich alle Lebensbereiche und lässt sich in der Tat nicht in wenigen Sätzen formulieren.

Die Komplexität hat mit Sicherheit – in der Vergangenheit und vielleicht auch noch heute – zu Fehldiagnosen geführt.

Aber tatsächlich ist es eine angeborene Veranlagung die fälschlicherweise lange negativ bewertet wurde. Sensibilität und Introversion wurde lange mit Vulnerabilität (also einer Disposition zur Entwicklung von Störungsbildern) gleichgesetzt.

Erst seit den neunziger Jahren wird aufgezeigt, dass es hier keinen unmittelbaren Zusammenhang geben muss und die Veranlagung sogar sehr viele Geschenke und Ressourcen bereit hält.

Richtig: HSP nehmen mehr wahr. Zu ihren eigenen Gefühlen spüren sie auch oft, was in einer anderen Person vorgeht. Sie sind aufgrund der tiefen und gründlichen Verarbeitung kluge Geschöpfe, jedoch nicht automatisch hochbegabt. Allerdings sind sie oft Freidenker und gerne bereit jedes Konzept in Frage zu stellen, manchmal sind sie sogar Visionäre.

Auch HSP haben Filter. Ein Mensch ohne Filter bricht naturgemäß sofort zusammen. Wir alle nehmen nur wenige Prozent der tatsächlichen Realität wahr. Von 100 existierenden, gleichzeitigen Reizen nimmt ein Normalsensibler vielleicht 5 ein Hochsensibler vielleicht 7-10 wahr.

HSP sind aufgrund der Reizaufnahme und Verarbeitung scheinbar schneller erschöpft. Tatsächlich brauchen sie jedoch nur ihren eigenen Rhythmus, dann sind sie genauso leistungsfähig wir Normalsensible auch.

Richtig ist: Gerüche, Geräusche, visuelle, taktile Reize und manchmal auch energetische Veränderungen, werden wahrgenommen. Das kann belasten. Es gibt hier jedoch – wie auch in allen anderen Bereichen – einen positiven Ausgleich. Schadstoffe werden beispielsweise früher registriert, der Wert der Stille erkannt, die Stimmung eines Menschen oder einer Gruppe erspürt,  um nur einige zu nennen.

HSP sind von ihrer Anlage her nicht instabil. Sie brauchen den Raum und die Umgebung um sich wohl zu fühlen und zu erblühen. Tatsächlich schadet es Menschen mit dieser Veranlagung sich dauerhaft in einer Umgebung aufzuhalten, die ihnen nicht gut tut.

Das ist jedoch nicht gleichbedeutend damit, dass sich HSP „schützen“ müssen.  Es ist eher ein Weckruf, sich mit Menschen zu umgeben, Orte aufzusuchen,  die gut tun und die eigene Haltung zu überdenken. Das ist ein enormer Unterschied, aus welcher innerer Perspektive die Welt betrachtet wird und ob die eigenen Ressourcen erkannt und gelebt werden.

So lange ein Selbstbild besteht, in dem jedoch einfach „alles zuviel ist“ können sich Widerstände entwickeln. Es geht also um ein Umarmen des wahren Selbst und viel Wertschätzung und Annahme.

Es geht auch nicht darum, dass sich nun alle Menschen um die Bedürfnisse eines Hochsensiblen kümmern. Allerdings darf auch ein Hochsensibler erwarten, dass sich Menschen die ihm nahe sind, für sein Wesen interessieren und es respektieren. HSP sind so gute Zuhörer und in Krisenzeiten der Fels in der Brandung.  In diesen Zeiten sind sie es, die sofort bereit stehen und auch oft wissen, was zu tun ist.

Jeder Mensch trägt Schattenanteile in sich, auch die ganz Sensiblen. Sie sind sicher Menschen, die ihren Teil dazu beitragen möchten, die Welt ein bisschen liebevoller und freundlicher zu gestalten.

HSP sind jedoch keine Heiligen. Wer einen hungrigen HSP  erlebt hat weiß darum, dass die sonst übliche Höflichkeit und Achtsamkeit vorübergehend durch flattriges bis aggressives Verhalten ersetzt wird, bis der Hunger gestillt ist.  HSP müssen sich also um ihre Bedürfnisse kümmern. Dies ist Selbstfürsorge, die sich erst einmal  erlaubt werden muss. Ein Stück Traubenzucker bei sich zu tragen, kann also elementar werden.

Wovon HSP sich in der Tat verabschieden müssen, ist die Vorstellung das die Lebensregeln eines Normalsensiblen funktionieren könnten oder gar sollten.

Es kann z.B. vorkommen, dass aufgrund einer Reizüberflutung Symptome einer Panikattacke entstehen. Nur das sich diese Symptome auflösen, wenn ein HSP sich wieder in eine reizärmere Umgebung begibt. Es ist also keine klassische Angststörung mit der manchmal HSP  zu tun haben.

HSP sind oft kreativ, sehr umsichtig und häufig gewissenhaft. Die Sinne können empfindsamer sein und dies betrifft oft alle Sinne. Auf der einen Seite, ist dies eine Herausforderung, auf der anderen Seite ein Geschenk.

Manche – nicht alle – sind spirituell veranlagt. Es gibt auch hier kein richtig oder falsch. Es sind Spielweisen des menschlichen Seins.

Schmerzempfindlichkeit, Medidamentenunverträglichkeit und Allergien bzw. Unverträglichkeiten sind oftmals ein Thema. Wie ein Kind eine geringere Dosierung bedarf, so ist dies auch häufig für die Hochsensiblen einen Notwendigkeit.

Sie haben ein feines Gespür für ihren Körper und haben daher sehr früh ein Gefühl für eine sich entwickelnde Krankheit. Die Körper der HSP sind im Grunde so empfindsam, wie die kleiner Kinder. Hunger, Durst, Schlafmangel ect. wirken sich sofort aus. Im Kern sind die Körper darauf ausgerichtet, alles was geschieht besser zu erfassen und zu verstehen.

Kurzum, sie nehmen all das wahr, was auch Normalsensiblen sowohl zu schaffen macht, als auch gut tut –  nur eben früher. Normalsensible leiden demzufolge unter den gleichen Faktoren, können nur länger kompensieren. Und damit sind HSP lebendige Frühwarnsysteme für eine ganze Gesellschaft.

Und hier sind wir beim Kern des Problems. Die westliche Gesellschaft ist geprägt von Leistungsdenken und Konsumverhalten. Selbst die Freizeit besteht oftmals aus dem Konsumieren von Events, die laut, voll, bunt und schlichtweg anstrengend sind.

HSP finden hier keine Erholung. Sie brauchen den Rückzug, die Verarbeitung ihres tiefen und reichhaltigen Innenlebens entweder alleine oder in Gesellschaft von Menschen, die auch diese Eigenschaften und Werte besitzen. Mit anderen Worten HSP fallen durch Rückzug auf und erleben hier manchmal Mobbing. Vielleicht werden sie auch als Spassbremse empfunden, weil ein Kirmesbesuch o.ä. keinen erfreulichen Wert für sie hat. Wer jedoch eintaucht in die wirkliche tiefe Innenwelt eines HSP weiß darum, dass Langeweile kein Attribut ist, das diesen Menschen gerecht wird. Wie sonst könnte ein Künstler so tief in seine Werke eintauchen, wenn er nicht in all sein Inneres schauen würde?

Wir leben also in einer Gesellschaft, in der es wenig Raum und Wertschätzung für die Veranlagung gibt. Daher entsteht für viele der Eindruck „anders“ zu sein, Mancher denkt „falsch“ zu sein. Vielen wurde von Kindheit an suggeriert sich „ein dickeres Fell anschaffen zu müssen“ oder „nicht so empfindlich  sein“ zu sollen. Masken wurden entwickelt, aber das Wesen bleibt naturgemäß unverändert. Mancher hat gehört, dass die feine Wahrnehmung nicht „stimmen könne“. Dies hat sich oft tief eingebrannt und schmerzt natürlich. Wenn diese verinnerlichten Stimmen jedoch ersetzt werden, ist das große Geschenk der feinen Wahrnehmung sichtbar und wird tatsächlich zur Ressource für sich selbst und andere.

Man geht von 70 % Introvertierten und 30 % Extrovertierten innerhalb des Spektrums der Hochsensibiltät aus. Manche sind also sogenannte Sensation Seeker, die ihre Grenzen durch aufregende Aktivitäten ausleben möchten oder sogar müssen. Nur das diese 30 % i.d.R. dennoch so vorausschauend handeln, dass das Verhalten zu keinem dauerhaften negativen Effekt führt. Es ist jedoch richtig, dass es eine Neigung zu Substanzmissbrauch gibt, der das beanspruchte Nervensystem beruhigen soll. Dies kann sich jedoch einpendeln, wenn man um die Veranlagung weiß, und entsprechende passende Übungen zur Entspannung des vegetativen Nervensystems kennengelernt hat und praktiziert.

Bitte lassen Sie sich nicht einreden, dass eine Persönlichkeitsstörung entstehen könnte, weil ein HSP unter einem erhöhten Cortisolspiegel leiden würde. Man bedenke, welch Leid ein Mensch erleben muss, so dass die Psyche keinen anderen Ausweg finden kann, als ein Störungsbild auszubilden.

Dies ist nicht vergleichbar mit dem Stresssystem eines HSP. Auch die häufig zitierten Parallelen zu ADHS, Autismus oder gar Traumafolgestörungen entsprechen nicht dem Temperament.  Parallelen sind sichtbar zum verträumten ADS, aber auch hier fehlen viele der weiteren Symptome, die für eine Diagnose notwendig sind.

Wenn Sie diesbezügliche irritiert sind, lassen Sie bitte bei den entsprechenden Fachärzten/Therapeuten ihres Vertrauens abklären. Es gibt hier gute Anlauf- und Informationsstellen. eine Auswahl an Kontaktstellen

Wenn Sie jedoch hochsensibel sind, dann geht es oftmals um eine Art Lebensunterstützung, in der das Wesen erkannt werden will.

Man schätzt den Anteil der Hochsensiblen auf 15-20 % der Bevölkerung. Laut Elaine Aron begeben sich jedoch 50 % der HSP in Therapie. Dies ist zum einen darauf zurückzuführen, dass Hochsensible sich selbst gut kennenlernen wollen. Es kommt jedoch auch vor, dass sie glauben, an einem Störungsbild zu leiden, dass sie tatsächlich nicht haben. Dies ist ein Thema, mit einen Umfang und einer Dichte, dass es einen eigenen Blog-Beitrag bedarf, der demnächst folgen wird. 

Sehr häufig geht es vielmehr um eine Art Lebenshilfe, die unterstützt die Veranlagung wertschätzend anzunehmen und das Leben ein Stück weit anders zu gestalten. 

Es gibt wirklich hervorragende Literatur zum Thema. Eine Auswahl habe ich zusammengestellt. Diese finden Sie hier  Literaturempfehlung

Ich wünsche allen Hochsensiblen, die sich hier eine Begleitung wünschen, einen Coach oder Therapeuten an der Seite, der sich hier wirklich auskennt.

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